Königsspitze - krystallos

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Königsspitze

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Die Königsspitze 3859m


Kommt man
von Norden her über den Reschenpass gefahren, so erblickt man bei klarem Wetter das traumhafte Bergpanorama um Ortler, M. Zebru, Königsspitze  und Monte Cevedale. Mein Freund und Bergkamerad Johannes M. und ich hatten sie in der Vergangenheit schon bestiegen und nun wollten wir einen zweiten Versuch an der majestätisch thronenden Königsspitze machen.

Diesmal
nicht von der  Casati-Hütte aus, die man von Sulden her erreicht, sondern wir zogen es vor, über das Stilftser Joch nach Bormio zu fahren und über das Val Cedec zum Ref. Pizzini aufzusteigen. Der abendliche Aufstieg verlief ohne besondere Vorkommnisse und wir  unterhielten uns sehr angeregt und hatten viele Themen worüber wir quatschten, denn unsere letzte gemeinsame Tour lag nun schon zwei Jahre zurück, und jeder von uns hatte zwischenzeitlich viel erlebt. Zudem kam, daß die letzten Wochen das Wetter  alles andere als gut war und nicht unbedingt zum Bergsteigen einlud. Jedoch als ich die Wetterlage aufs genauere studierte,
sah ich eine kleine Chance auf einen Blitzversuch. Es sollte für zwei Tage eine Wetterbesserung auf der Alpensüdseite eintreten und so versuchten wir genau hier unsere Chance.

Als wir
kurz vor Dunkelheit unsere ausgewählte Hütte  erreichten, lockerte sich der Himmel auf, die letzten großen Wolken hingen nur noch hier und da fest, sodaß wir fast alleine auf der Hütte waren und Hoffnung für den morgigen Gipfeltag aufkam. Der Hüttenwirt empfing uns freundlich, wies  uns ein sechsbett Zimmer zu, welches wir dann auch noch ganz für uns alleine hatten. Kein Schnarchen war zu befürchten – wunderbar. Die Nacht schlief ich zwar tief durch, aber als der Wecker mich aus meinen Träumen riss, hätte ich gut  und gerne noch eine Mütze schlaf vertragen.


Unser erstes
Interesse an diesem frühen Morgen galt natürlich dem Wetter, und das zeigte sich vom feinsten. Wolkenloser Himmel, nichts als wolkenloser  Himmel, wir lachten, klatschten uns vor lauter Freude ab und nun wollten wir unseren Plan schnellstens in die Tat umsetzten. Nach ausgiebigem Frühstück packten wir die Rucksäcke und um 5.15 Uhr waren wir schon die ersten Schritte draußen unterwegs  in Richtung Gipfel. Mit jedem Schritt den wir bergwärts tätigten, wurde die behagliche Hütte hinter uns immer kleiner und kleiner, bis wir sie schließlich aus dem Auge verloren. Die Luft war kühl und die Sonne versteckte sich noch weit  im Osten. Mit gemächlichem Tempo erreichten wir zunächst über viel Geröll den Gletscher. Hier legten wir eine kleine Pause ein, seilten uns an und zogen unsere Steigeisen über die Bergschuhe. Von nun an mussten wir den Weg selber suchen,  den bei dem schlechten Wetter in den vergangenen Tagen war hier oben keine Menschenseele unterwegs. Der Regen spülte die Aufsstiegsspur weg und überzuckerte sogar ganz oben den Gletscher ganz frisch mit Neuschnee. Auf der Bergsüdseite unterhalb  der markanten Felsschulter verläuft eine sehr geradlinige Rinne, welche wir nach oben durchsteigen müssen. Wir pausierten abermals um mit frischer Kraft und so schnell wie möglich diese steile und steinschlag gefährdete Rinne zu durchsteigen. Mit kraftvollen Schritten legte wir los, und wir waren noch keine zwei Minuten in jener  Passage zugange, als die ersten fallenden Steine zu vernehmen waren.

Klong, klong, doong...
Wir blieben ruhig stehen, orteten wo sich die Gefahr befand, und reagierten entschlossen auf die schnellen Geschosse. Einige Minuten später,  wir waren auf der besagten Felsschulter angekommen, entdeckten wir auch die Ursache des Steinschlags. Zwei Bergsteiger kamen über den Felsgrat vom Schaubachhaus herüber und Ihnen passierte das Missgeschick, für das sie sich ernsthaft entschuldigten.  Wir hielten einen kurzen Schwatz, erfuhren, daß sie auch aus Südbayern kamen und entschlossen uns gemeinsam in zwei Zweierseilschaften zum Gipfel zu steigen. Nun ging es zunächst an der linken Felspartie orientierend höher und höher hinauf,  weiter über Schnee, Eis, und ein, zwei kleine versteckte Spalten, die zu überqueren waren. Wir merkten nun deutlich die Höhe und die steile Passage in der wir uns befanden wie es laut Führer bis 42 Grad Steigung auf, weshalb wir unser Tempo  etwas mässigten. Die Sonne stand nun hoch oben und ließ uns ihre Kraft deutlich spüren. Und wieder sahen wir nur blauen, wolkenlosen Himmer soweit das Auge reicht. Das Panorama war einfach grandios und wir durften heute in eine wunderbare Bergwelt  eintauchen und sie in einer Stille genießen, welche man selten an solch namhaften Bergen erlebt. Mein Kopf war frei von allen Gedanken und Sorgen. Wenn ich in meine Berge gehe tauche ich ein in eine Welt die mich ganz gefangen nimmt. Gefangen nimmt  im positiven Sinne natürlich! Sie fasziniert mich, lässt mich staunen, bringt mich mehr zurück zu meinem inneren Ich und zeigt mir wie klein und unbedeutend wir Menschen eigentlich sind. Meine Gedanken sind frei, der Wind bläst mir das Negative  aus dem Kopf und schafft somit Platz für Neues. Durch das Laufen, Steigen, Klettern kann ich mich aktiv verausgaben und erhalte zugleich neue Energie zurück. Bevor wir jedoch den Gipfel betraten kam ein schön ausgesetzter Grad, welcher zwar kurz  war, aber dessen Ende direkt zum Gipfel führte. Entschlossen platzierten wir unsere Tritte, gingen am kurzen Seil und genossen diese Partie in vollen Zügen.

Mit breit grinsendem Gesicht
betrat Johannes als Erster von uns 4 den Gipfel,  und reichte uns nacheinander die Hand zur Gratulation unseres Erfolges. Ganz tief holten wir Luft, blickten in alle Himmelsrichtungen und waren sehr froh hier heroben zu stehen. Ein fantastischer Tag! Unsere Brotzeitpause fiel nun sehr ruhig aus denn  jeder genoss wärend des Essens die gigantische Bergwelt. Es wurde kaum geredet. Jeder genießt diesen Moment auf seine Art und Weise und vielleicht kreisen dem Einen oder Anderen ganz gewisse Momente des Lebens durch den Kopf. Etwas müde vom steilen Aufstieg aber überglücklich saßen wir nun da, begrüßten die Neuankömmlinge und machten einige Fotos. Eine Seilschaft kam sogar von der legendären Nordwand herrauf und bemerkte, das die Wand sehr gefährlich geworden wäre.


Kurz vor Aufbruch
machten unsere bayrischen Begleiter noch ein Foto von Johannes und mir, um unser Gipfelglück festzuhalten. Dann, es muß so um die Mittagszeit gewesen sein, gingen wir los, zunächste sehr achtsam den ausgesetzen Schlußgrad hinunter, danach  schweigend jeder vor sich hintrottenden den Steilhang hinunter bis zur schmalen Rinne. Hier schauten wir ein letztes Mal ausgiebig in die Runde und kurz danach verschwanden wir talwärts. Schnell ging es voran, der Schnee war um diese Zeit schon sehr  sulzig, als ich aus heiterem Himmel mit dem linken Fuß den Halt verlor und ins Fallen kam. Blitzschnell versuchte ich mich abzufangen und mit dem rechten Fuß halt zu finden. So einigermaßen gelang mir dies auch, das Pech war jedoch, daß ich  in Rücklage geriet, das Blankeis meinen rechten Fuß irgendwie nicht mochte und der besagte Halt erst meine linke Wade darstellte. Schmerzvoll mußte ich feststellen das Steigeisenzacken im Fleische nichts angenehmes sind. Wir pausierten zwangshaft,  versorgten meine ledierte Wade und löschten unseren Durst. Zu meinem Glück fing meine strapazierfähige Hose samt robuste Gamasche das Meiste ab, sodaß nur eine gering blutende Verletzung darunter zutage kam – aber dies reichte mir auch. Langsam und verhalten setzten wir den Abstieg  fort. Ich hatschte wie ein 90 jähriger Großvater mit Coxarthrose talwärts. Johannes fotografierte nun noch etwas er hattte ja Zeit. Ich pausierte in regelmäßigen Abständen und so trotteten wir den ganzen Nachmittag durchs Val Cedec wieder  hinaus zu unserem Auto. Hier angelangt ließ ich nur noch alles fallen, zog mir leichte Kleidung an, und fiel erschöpft in den Sitz.

Am späteren Abend
ging es weiter zum Reschenpass. Dort stellten wir uns auf einen Parkplatz, schauten  noch einmal zurück in den mit Wolken eingehüllten Ortler und schnappten uns eine gute Flasche Rotwein, den ich schon im Auto deponiert hatte und ließen diese tolle Tour feucht-fröhlich ausklingen. In den darauffolgenden Tagen....

 
 
 
 

Verfasst: Robert Linhart |  Januar 2011 | Foto: Robert Linhart

 
 
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